
„Den Text hab ich schon mit KI gecheckt. Da dürfte nicht mehr viel drin sein.“
Diesen Satz höre ich inzwischen öfter. Und meistens stimmt er sogar: Tippfehler gibt es kaum noch, die Kommas sitzen, die Sätze lesen sich glatt. Trotzdem finde ich Fehler. Nur liegen sie woanders.
Stell dir diesen Satz in einem Lehrbuchkapitel vor: „Je höher die Spannung, desto größer der Widerstand.“ Kein Tippfehler, kein fehlendes Komma. Jede KI-Korrektur winkt ihn durch. Fachlich ist er falsch: Bei einem gewöhnlichen Widerstand ändert sich mit der Spannung nicht der Widerstand, sondern die Stromstärke.
KI-Korrektur ist ein gutes Werkzeug für die Oberfläche eines Textes. Bei Fachtexten liegen die teuren Fehler aber darunter: im Inhalt, in der Terminologie, im Zusammenspiel von Text, Grafik und Aufgaben. In diesem Artikel zeige ich dir, was KI-Tools bei Fachtexten übersehen – und wie du KI und Lektorat sinnvoll kombinierst.
Was KI-Korrektur gut kann
KI-Korrektur findet zuverlässig die Fehler an der Textoberfläche: Tippfehler, Grammatik, Kommas und holprige Sätze. Das ist viel wert, und ich will es nicht kleinreden.
Darin sind die Tools stark:
- Tippfehler, Buchstabendreher und doppelte Wörter
- Kommasetzung und Grammatik in Standardsätzen
- Vorschläge für kürzere, klarere Formulierungen
- Tempo: Ein Kapitel ist in Sekunden durchgesehen, rund um die Uhr
- Kosten: Viele Tools sind günstig oder kostenlos
Als Vorkorrektur ist KI deshalb sinnvoll. Ein Text, der ohne Tippfehler ins Lektorat geht, lässt mehr Zeit für das, was zählt. Genau da fangen die Probleme an.
Fachlich falsch, aber sprachlich perfekt
KI prüft, ob ein Satz plausibel klingt – nicht, ob er stimmt. Sprachmodelle berechnen, welche Formulierung am wahrscheinlichsten ist. Ein fachlicher Fehler in einwandfreiem Deutsch fällt dabei nicht auf.
Zwei Beispiele aus der Elektrotechnik:
- „Die Spannung fließt durch den Leiter.“ Grammatisch ist der Satz korrekt. Fachlich ist er falsch: Es fließt der Strom. Die Spannung liegt an.
- „Der Speicher hat eine Kapazität von 10 kW.“ Auch das klingt plausibel. Aber Kilowatt (kW) ist die Einheit für Leistung. Ein Speicher speichert Energie, also zum Beispiel 10 kWh.
In einem Roman wären das Kleinigkeiten. In einem Berufsschulbuch lernen Auszubildende damit etwas Falsches. Und in einem Fachbuch zur Speichertechnik verliert der Verlag Glaubwürdigkeit bei genau den Leser*innen, die es besser wissen.
Noch heikler wird es, wenn die KI umformuliert. Sie glättet einen sperrigen Satz und verändert dabei unbemerkt die Aussage. Aus „kann“ wird „muss“, aus einer Bedingung eine allgemeine Regel.
Solche Fehler findet nur, wer das Fach kennt. Für die Rechtschreibprüfung ist alles in Ordnung.
Einheiten, Formelzeichen, Schreibweisen
In Fachtexten trägt jedes Zeichen Bedeutung – auch Groß- und Kleinbuchstaben, Leerzeichen und Striche. Hier stoßen KI-Tools schnell an Grenzen, weil solche Schreibweisen in Alltagstexten selten vorkommen.
- Groß oder klein: kW steht für Kilowatt, KW für Kalenderwoche. mA ist ein Milliampere, MA dagegen ein Megaampere. Ein einziger Buchstabe verändert den Wert um den Faktor eine Milliarde.
- Leerzeichen: Zwischen Zahl und Einheit gehört ein Leerzeichen: 230 V, 5 kWh. Am besten ein geschütztes, damit „230“ und „V“ nicht auf zwei Zeilen landen.
- Durchkopplung: Zusammensetzungen mit Zahl und Einheit werden durchgekoppelt: 230-V-Steckdose, 5-kWh-Speicher, 50-Hz-Netz.
- Kursiv oder gerade: Formelzeichen wie U, I oder P werden kursiv gesetzt. Einheiten wie V, A und W stehen gerade.
- Striche: Bis-Strich und Minuszeichen sind keine Bindestriche: 10–20 V, −5 °C.
Viele Tools übersehen diese Feinheiten. Manche „korrigieren“ sie sogar: Sie setzen ein Leerzeichen an die falsche Stelle oder machen aus einer Einheit ein Wort mit Großbuchstaben.
Bindestrich oder Gedankenstrich – Was ist der Unterschied?
Terminologie: Synonyme sind im Fachtext ein Fehler
Im Fachtext bedeutet ein anderes Wort eine andere Sache. In der Schule haben wir gelernt, Wiederholungen zu vermeiden. KI-Tools haben das auch gelernt – und schlagen gern Abwechslung vor.
In der Speichertechnik zum Beispiel sind Zelle, Modul und Batteriesystem verschiedene Ebenen. Akku und Batterie werden im Alltag gleich verwendet, in der Fachsprache nicht immer. Wer hier „zur Abwechslung“ das Wort tauscht, verwirrt die Leser*innen.
Dazu kommt: Viele Begriffe sind festgelegt. Normen wie DIN VDE, Lehrpläne und Rahmenlehrpläne geben vor, wie etwas heißt. Ein Schulbuch muss diese Begriffe verwenden, sonst passt es nicht zum Unterricht und zur Prüfung.
Und die Begriffe müssen über das ganze Werk hinweg gleich bleiben – über 300 Seiten, mehrere Autor*innen und manchmal mehrere Bände. KI-Tools sehen meist nur den Abschnitt, den du ihnen gerade gibst. Ein Lektorat führt eine Terminologieliste und hat das ganze Buch im Blick.
Ein Fachbuch ist mehr als Fließtext
Ein Fachlektorat prüft nicht nur Sätze, sondern wie Text, Abbildungen, Tabellen und Aufgaben zusammenpassen. Genau diesen Zusammenhang sieht eine KI-Korrektur nicht, weil sie meist nur den Fließtext bekommt.
Das schaue ich mir bei einem Berufsschulbuch unter anderem an:
- Text und Grafik: Passt die Bildunterschrift zur Abbildung? Heißen die Bauteile in der Schaltung so wie im Text?
- Verweise: Stimmt „siehe Abb. 4.12“ noch, nachdem ein Kapitel umgebaut wurde? Gibt es Kapitel 7 überhaupt?
- Aufgaben und Lösungen: Gehört die Lösung zur Aufgabe? Stimmen die Zahlenwerte und die Rechnung?
- Didaktische Reihenfolge: Wird ein Begriff erklärt, bevor er zum ersten Mal benutzt wird? Können die Schüler*innen die Aufgabe mit dem bisherigen Wissen lösen?
- Zielgruppe: Ist das Niveau für die Ausbildung angemessen – nicht zu akademisch, nicht zu vereinfacht?
So etwas passiert schnell: Eine Schaltung wird während der Produktion überarbeitet. In der neuen Grafik heißt der Widerstand R4 statt R3. Im Text und in der Lösung steht weiter R3. Jeder Satz für sich ist korrekt – und trotzdem kann niemand die Aufgabe lösen.
Verantwortung, Nachvollziehbarkeit, Vertraulichkeit
Neben der Qualität gibt es weitere Gründe, warum KI ein Lektorat bei Fachtexten nicht ersetzt.
Nachvollziehbarkeit: Im Lektorat arbeite ich mit Korrekturzeichen oder im Änderungsmodus. Du siehst jede Änderung und entscheidest selbst. Viele KI-Tools schreiben den Text einfach um. Was sich geändert hat, siehst du nur, wenn du Wort für Wort vergleichst.
Rückfragen: Ist ein Satz mehrdeutig, frage ich nach: „Ist das so gemeint?“ Eine KI fragt nicht. Sie entscheidet sich für eine Lesart – und die muss nicht deine sein.
Aktualität: Normen, Vorschriften und Technik ändern sich. Sprachmodelle haben einen festen Wissensstand und erkennen nicht zuverlässig, was inzwischen überholt ist.
Vertraulichkeit: Ein unveröffentlichtes Manuskript in ein Online-Tool zu kopieren, ist nicht automatisch erlaubt. Prüf vorher deinen Verlagsvertrag und die Datenschutzbedingungen des Tools.
Und am Ende bleibt die Frage nach der Verantwortung. Steht in einem Lehrbuch eine falsche Sicherheitsangabe, kann das Folgen haben. Ein Tool übernimmt dafür keine Verantwortung. Ein Mensch, der den Text geprüft hat, steht dafür ein.
So nutzt du KI und Lektorat sinnvoll zusammen
- Terminologie festlegen: Leg vor dem Schreiben eine Liste mit den wichtigsten Fachbegriffen und Schreibweisen an. Sie hilft dir, dem Lektorat und jedem Tool.
- Mit KI vorkorrigieren: Lass Tippfehler und grobe Grammatikfehler von einem Tool finden.
- Vorschläge einzeln prüfen: Übernimm nie alle Änderungen auf einmal. Schau dir jeden Vorschlag an und frag dich: Stimmt die Aussage noch?
- Fachlich prüfen lassen: Inhaltliche Richtigkeit gehört in die Hände von Fachleuten.
- Lektorat: Inhalt, Struktur, Terminologie, Verweise, Aufgaben und Lösungen.
- Schlusskorrektur im Layout: Erst im fertigen Satz siehst du Trennungen, Umbrüche und verrutschte Bildunterschriften.
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Meine Haltung: Werkzeug ja, Ersatz nein
Ich halte KI für ein nützliches Werkzeug – aber nicht für einen Ersatz für Fachwissen und Verantwortung.
Seit über 25 Jahren arbeite ich mit Büchern, viele davon zu Elektrotechnik und Energiespeichern. In dieser Zeit haben sich die Werkzeuge oft verändert. Die Frage, ob ein Text stimmt, ist geblieben.
Ich nutze KI selbst – als Hilfswerkzeug. Zum Beispiel für eine schnelle Recherche oder eine erste Vorkorrektur. Aber ich übernehme keinen Vorschlag ungeprüft. Die Entscheidung, ob etwas stimmt, treffe ich.
Was sich verändert hat: Viele Texte kommen heute vorkorrigiert bei mir an. Tippfehler finde ich seltener. Dafür fallen die anderen Fehler stärker auf – die, die sauber formuliert sind und trotzdem nicht stimmen.
Für mich passt das zu meinem Motto „Duden an die Freude“: Es macht mir Freude, wenn ein Text nicht nur fehlerfrei aussieht, sondern stimmt. Bis ins letzte Leerzeichen. Duden an die Freude – Die Geschichte hinter meinem Claim
Häufige Fragen zu KI-Korrektur und Lektorat
Kann KI ein Lektorat ersetzen?
Nein, nicht bei Fachtexten. KI findet zuverlässig Tippfehler und Grammatikfehler. Ob ein Text fachlich stimmt, ob die Begriffe einheitlich sind und ob Text, Grafiken und Aufgaben zusammenpassen, prüft sie nicht. Dafür braucht es ein Lektorat mit Fachwissen.
Was ist der Unterschied zwischen Korrektorat und Lektorat?
Ein Korrektorat prüft Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung und Typografie. Ein Lektorat geht weiter: Es prüft Inhalt, Aufbau, Verständlichkeit, Stil und Terminologie. Bei Fachtexten kommt die fachliche Plausibilität dazu. Ein Teil des Korrektorats lässt sich mit KI vorbereiten, ein Lektorat nicht.
Welche Fehler findet KI-Korrektur in Fachtexten nicht?
Vor allem inhaltliche Fehler in korrektem Deutsch, etwa verwechselte Größen wie Leistung und Energie. Dazu kommen falsche Einheiten-Schreibweisen, uneinheitliche Fachbegriffe, fehlerhafte Querverweise und Widersprüche zwischen Text, Abbildungen, Aufgaben und Lösungen.
Darf ich mein Manuskript in ein KI-Tool hochladen?
Das hängt von deinem Vertrag und vom Tool ab. Viele Verlagsverträge regeln den Umgang mit unveröffentlichten Texten. Prüf außerdem, ob das Tool deine Eingaben speichert oder zum Training nutzt. Im Zweifel frag beim Verlag nach, bevor du Texte hochlädst.
Fazit: Fehlerfrei ist nicht dasselbe wie richtig
KI-Korrektur macht Fachtexte sauberer, aber nicht richtiger. Sie findet Tippfehler und glättet Sätze. Ob die Aussage stimmt, ob die Begriffe einheitlich sind und ob Text, Grafik und Aufgabe zusammenpassen, prüft sie nicht.
Nutze KI deshalb als Vorkorrektur – und lass den Rest von Menschen prüfen, die das Fach verstehen.
Du arbeitest an einem Fachbuch, einem Schulbuch oder einem Fachtext zu Elektrotechnik oder Energiespeichern? Dann schau dir mein Angebot für Lektorat und Korrektorat an oder schreib mir. Und wenn du deine eigenen Texte besser korrigieren willst, hol dir mein kostenloses E-Book „So korrigierst du deine eigenen Texte wie ein Profi“.

Wer schreibt hier?
Ich bin Kerstin Salvador, freie Lektorin, Redakteurin und Autorin. Auf meinem Blog schreibe ich über Sprache, meine Selbstständigkeit und das, was mein Leben bereichert – und immer wieder darüber, was einen guten Fachtext ausmacht.
Seit 2011 begleite ich Menschen und ihre Texte. Mein Schwerpunkt sind Fachbücher und Berufsschulbücher, besonders zu Elektrotechnik und Energiespeichern. Vorher habe ich als Produktmanagerin und Redakteurin in Fachverlagen für erneuerbare Energien gearbeitet. Deshalb prüfe ich nicht nur die Sprache, sondern auch, ob Begriffe, Einheiten, Grafiken und Aufgaben zusammenpassen. Für Verlage übernehme ich auf Wunsch das komplette Projektmanagement.
Dabei kenne ich beide Seiten: Ich lektoriere, schreibe selbst Lehrwerke für Deutsch als Fremdsprache und übersetze aus dem Italienischen. Deshalb weiß ich, wie viel Arbeit in einem Fachtext steckt und wie viele Fragen beim Schreiben auftauchen können.
Mir ist wichtig, dass dein Text deine Stimme behält und fachlich stimmt. Mit einem aufmerksamen Blick, präzisen Rückmeldungen und Fachwissen begleite ich dich auf dem Weg zu deinem fertigen Buch.
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